Das Staatstheater Kassel – Ein Theater mit Tradition
Das Staatstheater Kassel versteht sich mit seinen rund 500 festen Mitarbeitern als ein moderner Theaterbetrieb, der sich gleichermaßen der Tradition wie der Moderne verpflichtet fühlt. 30 Neuinszenierungen in den Sparten Musiktheater, Schauspiel, Tanztheater, Kinder- und Jugendtheater, dazu die Sinfonie-, Sonntags-, Kammer-, Familien-, Schüler- und Sonderkonzerte bilden Jahr für Jahr das große Angebot. Darüber hinaus sorgt ein umfangreiches theater- und konzertpädagogisches Programm für die Vermittlung an Kinder und Jugendliche.
Maykl Trutz kann nicht vergessen. Er kann das Schicksal seiner Eltern, die vor den Nazis voller Hoffnung in die Sowjetunion flüchten und dort – wie der befreundete russische Linguist Gejm und seine Familie – dem stalinistischen System zum Opfer fallen, nicht vergessen. Als 18-Jähriger kehrt Maykl nach Deutschland zurück, in die DDR. Doch die Erinnerung an das Gewesene lässt ihn nicht in die Jugendorganisation FDJ eintreten und nach der Wende einen Prozess gegen einen Stasimann anstreben, den er verliert.
So wie Maykl nicht vergessen kann, will Christoph Hein nicht vergessen und schreibt mit Trutz ein großes Erinnerungsbuch über die grausamen Verflechtungen und die wechselvolle Leidgeschichte, die im vergangenen Jahrhundert gerade Deutschland und Russland bzw. die Sowjetunion prägten. Ein Jahrhunderttext in mehrfacher Bedeutung: ein Jahrhundert umgreifend, ein Jahrhundert verstehbar machend und ein schmerzhafter, aber hellsichtiger Rückblick: Weil Geschichte nicht einfach vorbei ist; weil das, was war, uns und unser Handeln heute beeinflusst; weil mit der Geschichte heutige Politik legitimiert wird.
Der tschechische Theaterregisseur Dušan David Pařízek seziert gekonnt und humorvoll große politische und historische Erzählungen – nicht als Archiv, sondern als offene Wunde der Gegenwart. In seiner Inszenierung Trutz zeigt er, was passiert, wenn historisches Unrecht nicht aufgearbeitet wird: Es kehrt zurück – in autoritären Reflexen, repressiven Systemen und simplen Antworten auf die komplexen Fragen unserer Zeit.
Regie: Dušan David Pařízek
Bühne: Dušan David Pařízek
Kostüme: Kamila Polívková
Licht: Oskar Bosman
Dramaturgie Wiederaufnahme: Laura Ellersdorfer
Dramaturgie: Johannes Kirsten
Termine
Sa 3.10.2026, 19:30 | Premiere
So 22.11.2026, 18:00
Gerade hatten die 68er die junge Bundesrepublik auf links gedreht. Freie Liebe, lange Haare und bunte Drogen eroberten das Stadtbild und Avantgardekunst und Arbeiterklasse schienen sich so nah wie nie. Komponist:innen der neuen Musik der Siebziger versuchten sich statt an experimentellen Klängen plötzlich an Agitprop, nach der Tonalität musste endlich auch die Welt umgestürzt werden. So tourte auch der heutige Altmeister Nicolaus A. Huber mit einer wilden Theatergruppe für die Deutsche Kommunistische Partei durch die Irrungen und Wirrungen der westlichen Demokratie: der Bus voller Arbeiterlieder, grotesken Texten und allerhand Zirkus bis zur Weltrevolution!
Ein halbes Jahrhundert später bleiben von aller kämpferischen Propaganda nur eine vergriffene Schallplatte und lose Manuskripte in den Kammern staatlicher Archive. In seiner Stückentwicklung im TiF – Theater im Fridericianum debütiert Regisseur Moritz Warnecke am Staatstheater Kassel und leuchtet die versteinerten Reliquien im Fundus nie gewesener Aufstände aus.
Musikalische Leitung: Felix Barsky
Regie: Moritz Warnecke
Ausstattung: Katharina Oleksinska
Licht: Stefanie Franke
Dramaturgie: Felix Linsmeier
Termine
Mo 12.10.2026, 19:00 | Voraufführung
Sa 17.10.2026, 19:00 | Premiere
Fr 23.10.2026, 20:15und weitere Termine
Che tempo! Che tempo! Seit Wochen regnet es sintflutartig. Das Tessiner Bergtal, in dem Herr Geiser seinen Ruhestand verbringt, ist durch einen Erdrutsch von der Zivilisation abgeschnitten. Der Strom ist ausgefallen, die Kochplatte bleibt kalt und jeder Kontakt zur Außenwelt ist unterbrochen. Ist die Natur außer Kontrolle? Was, wenn der Berg sich löst und Haus, Dorf und Tal für immer unter sich begräbt?
Doch Herr Geiser lässt sich vom drohenden Untergang nicht unterkriegen. Mit Wissen und Ordnung kämpft der Schweizer Rentner gegen das Verschwinden an. Akribisch sammelt, ordnet und notiert er Fragmente menschlichen Wissens aus Lexika, Geschichtsbüchern und der Bibel. Bald jedoch stellen sich Zweifel ein: Welches Wissen ist es wert, gerettet zu werden? Und lässt sich die eigene Identität bewahren, indem man sie archiviert?
Zuletzt fasst Herr Geiser einen kühnen Entschluss: Er packt seinen Rucksack und wagt die Flucht über die Berge, doch der Pfad verliert sich bald im weißen Dunst. Was jetzt? Ist es Nebel – oder beginnt das Vergessen bereits hier?
In unserer Gegenwart, in der die Auswirkungen des Klimawandels immer spürbarer werden, erscheint Max Frischs Erzählung Der Mensch erscheint im Holozän aus dem Jahr 1979 von beklemmender Hellsichtigkeit. Was macht es mit uns, mit unserem Selbstbild und unserer Identität, wenn vertraute Orte verschwinden? Wenn ganze Landschaften zerstört und unbewohnbar werden? Wenn Sicherheiten ins Rutschen geraten und Erinnerungen ihren Halt verlieren?
Die tschechische Regisseurin und Kostümbildnerin Kamila Polívková spürt der fragilen Verflechtung von Mensch, Identität und Umwelt mit ihrer präzisen Bildsprache nach und inszeniert Max Frischs letzte Erzählung als poetisch-musikalisches Theatergewitter auf der großen Bühne.
Regie: Kamila Polívková
Bühne + Video: Antonín Šilar
Kostüme:
Musik, Komposition und Sounddesign: Lyhre
Licht: Brigitta Hüttmann
Dramaturgie: Laura Ellersdorfer
Termine
Di 27.10.2026, 19:00 | Voraufführung
Sa 31.10.2026, 19:30 | Premiere
Sa 14.11.2026, 19:30und weitere Termine
Bewertungen & Berichte Der Mensch erscheint im Holozän
Schauspiel
MOTOR
Eine postfaktische Farce
Premiere: 6.11.2026
als Antwort auf Bertolt Brechts Maßnahme und Heiner Müllers Mauser von der Frankfurter Hauptschule
Wie inszeniert man heute ein Lehrstück? Das Kunstkollektiv Frankfurter Hauptschule, bekannt geworden mit der Aktion Bad Beuys go Africa sowie mit dem Autor:innenpreis des Heidelberger Stückemarkts ausgezeichnet, antwortet in gewohnt humorvoller Hybris mit seinem neuen Stück MOTOR: Indem man sich in eine Reihe mit Bertolt Brecht und Heiner Müller stellt.
Brechts Maßnahme wurde 1930 uraufgeführt, 45 Jahre später folgte die Premiere von Müllers Replik Mauser. Beide Stoffe problematisieren innerlinke Gewalt – einmal vor der Revolution, einmal danach. In einem ähnlichen zeitlichen Abstand reagiert nun das Kollektiv auf beide Lehrstücke und fragt: Was hat das heute mit uns zu tun?
Nicht nur die Lehrstücke von Brecht und Müller sind als Tragödien angelegt, auch die Entwicklung der Linken vollzieht sich im Lauf der Zeit von Weimar über das geteilte Deutschland bis heute tragisch, sowohl im fußgängerischen Sinne des Wortes – fatal, als auch im gattungsspezifischen – unschuldig schuldig werdend. Damit wären wir beim Lehrstück der demokratisch-antifaschistischen Zivilgesellschaft heute. Sind wir mitschuldig am Rechtsruck? Was haben wir dagegen getan, dass AfDler:innen seit fünfzehn Jahren durch andere Parteien, Unternehmen und Talkshows als relevante Gesprächspartner:innen geadelt und mit unser aller Steuergeldern hochgepäppelt werden?
Die Frankfurter Hauptschule verwischt die künstlerischen Disziplinen abermals und bringt ihr zweites Stück nun selbst zur Uraufführung. Sie unternimmt den Versuch, mit dem von Brecht und Müller entwickelten Instrumentarium zu erklären, wo wir heute stehen. Ein Ordnungsversuch, der auf verschiedenen Wegen die heillose Unordnung, in der wir leben, erfahrbar werden lässt: Postmoderne, eine große Erzählung? Kommunismus, das Schlimmste, was es nicht gibt? Beschleunigung, Wissensgesellschaft, Fake News, Gegenwartskunst, Dschungelcamp, Klimaknall, Selfiesucht, Humans of Late Fascism, Ende?
Regie: Frankfurter Hauptschule
Bühne und Kostüme: Frankfurter Hauptschule
Sounddesign (bis Premiere): Frankfurter Hauptschule
Licht: Sönke Baller
Video: Frankfurter Hauptschule
Dramaturgie: Sara Dec
„So ein Zaubermantel ist doch wirklich eine feine Sache! Man setzt sich in Buxtehude drauf, spricht einen Zauberspruch – und hui! – trägt er einen mit Windeseile durch die Lüfte nach Hause!“
In Großmutters Garten kann es heute regnen, stürmen oder schneien. Anlässlich ihres Geburtstages hat sie
Kasperl und Seppl zu einer großen Portion Pflaumenkuchen mit Kaffee eingeladen. Und wäre das nicht schon Glück genug, schenken ihr die beiden auch noch eine wunderschöne Kaffeemühle, die ihr Lieblingslied „Alles neu macht der Mai“ spielen kann.
Die Geschichte könnte hier vorbei sein, Happy End, alle glücklich, alle satt – wäre da nicht der fiese Räuber Hotzenplotz, der Kaffee genauso gern hat wie Kasperl, Seppl und die Großmutter. Schwupps, ist er mitsamt der Kaffeemühle in seiner Räuberhöhle verschwunden. Standort: unbekannt. Aber so leicht lassen sich Kasperl und Seppl nicht bestehlen und es beginnt eine wilde Jagd nach der Beute. Das Happy End muss warten, das Abenteuer beginnt!
Olivia Müller-Elmau (*1998) studierte Philosophie und Politikwissenschaften an der LMU München und anschließend Regie an der Theaterakademie der Hfmt Hamburg und der Zhdk Zürich. Ein besonderer Fokus ihrer Arbeit liegt auf der neuen Dramatik. Im Herbst 2025 stellte sie sich dem Staatstheater Kassel als Regisseurin mit der Uraufführung des Stückes Schamparadies von Sina Ahlers vor.
Zur Einstimmung auf den Theaterbesuch gibt es für Zuschauer:innen und Lehrkräfte die Möglichkeit, sich ein Einführungsvideo mit Blick hinter die Kulissen, interaktiven Übungen und Informationen zur Stückentwicklung
anzuschauen. Ab November 2026 verfügbar unter Räuber Hotzenplotz auf www.staatstheater-kassel.de oder auf Nachfrage an theaterpaedagogik@staatstheater-kassel.de.
Regie: Olivia Müller-Elmau
Bühne: Julius E. Böhm
Kostüme: Quinn Storch
Sounddesign (bis Premiere): Augustin Zimmer
Licht: Oskar Bosman
Dramaturgie: Laura Kallenbach
Termine
Mi 11.11.2026, 16:00 | Workshop / Kurs
Do 19.11.2026, 11:00 | Premiere
Fr 20.11.2026, 9:00und weitere Termine
Fr 20.11.2026, 11:00
Di 24.11.2026, 9:00
Di 24.11.2026, 11:00
Mi 25.11.2026, 9:00
Mi 25.11.2026, 11:00
Do 26.11.2026, 9:00
Do 26.11.2026, 11:00
Sa 28.11.2026, 16:00
So 6.12.2026, 16:00
Mo 7.12.2026, 9:00
Mo 7.12.2026, 11:00
Di 8.12.2026, 9:00
Di 8.12.2026, 11:00
Mi 9.12.2026, 9:00
Mi 9.12.2026, 11:00
Di 15.12.2026, 9:00
Di 15.12.2026, 11:00
Mi 16.12.2026, 9:00
Mi 16.12.2026, 11:00
Do 17.12.2026, 9:00
Do 17.12.2026, 11:00
Fr 18.12.2026, 9:00
Fr 18.12.2026, 11:00
Mi 23.12.2026, 18:00
Fr 25.12.2026, 16:00
Fr 25.12.2026, 18:00
Sa 16.1.2027, 16:00
So 17.1.2027, 11:00
So 17.1.2027, 14:00
Mo 18.1.2027, 9:00
Mo 18.1.2027, 11:00
Ort
Schauspielhaus
JUST Friedrichsplatz 15
D-34117 Kassel
Eine musikalische One-Man-Show von und mit Justin Hibbeler
Die lodernden Geschichten von Sünde und Erlösung kommen aus Radio und Bibel: sie schlagen Funken in gebietender Predigt und lockendem Pop. Ein verlorener Sohn, Jerry Lee Lewis, stürmt aus der tiefsten Provinz ins nationale Rampenlicht, heiratet heimlich seine 13-jährige Cousine, die nur eine seiner insgesamt sieben Frauen sein wird, und wird verdammt. Jahre später beobachtet ein Nachtwächter von Graceland – dem Anwesen von Elvis Presley –, wie sich ein 76er Lincoln Continental schnarrend durch den Kies der Zufahrt gräbt und nach einer letzten Beschleunigung das Tor rammt. Der Fahrer ruft mit einer Stimme ebenso schallenden Chroms: „I want to see Elvis! Just tell him, the killer’s here.“
Justin Hibbeler spielt, singt und erzählt die Story von Jerry Lee Lewis, die auch die Geschichte des Rock ’n’ Roll selbst ist und davon, wie Lewis Schwarze und weiße Musik zusammengebracht hat. Entlang der hämmernden und schmachtenden Songs geht dieser Abend auf eine Reise durch trübe Swimmingpools, schwitzige Tanzsäle und die britische Klatschpresse. Das Ende ist nah, die Hölle heiß.
Great Balls of Fire! – Die Jerry Lee Lewis Story, von unserem neuen Ensemblemitglied Justin Hibbeler, ist eine Übernahme des Landestheater Tübingen. Dort hatte es 2023 Premiere. Wir haben die
Produktion nun nach Kassel geholt, wo sie wechselnd im Theaterstübchen und im TiF zu sehen sein wird.
Regie: Justin Hibbeler
Mitarbeit Regie: Olivia Müller-Elmau
Bühne und Kostüme: Sibylle Pfeiffer
Dramaturgie: Carlotta Huys
Dramaturgie Wiederaufnahme: Laura Ellersdorfer
Termine
Fr 9.10.2026, 20:15
Fr 27.11.2026, 20:15
Ort
TiF - Theater im Fridericianum
Karl-Bernhardi-Straße
D-34117 Kassel
Great Balls of Fire! - Die Jerry Lee Lewis Story bewerten:
Vielen Dank für Ihre Bewertung!
Bewertungen & Berichte Great Balls of Fire! - Die Jerry Lee Lewis Story
Schauspiel
Schamparadies
von Sina Ahlers
In einem Mietshaus am Kanal, außerhalb der Stadt, wohnen Mutter und Tochter. Die Mieten steigen und auch auf alle weiteren Krisen in ihrem Leben reagiert die Mutter handlungsunfähig und lethargisch. Da helfen auch die Vorwürfe und Bemühungen ihrer Tochter Vera nicht.
Getrieben von (vererbten) traumatischen Erinnerungen überquert Vera den Kanal. Auf der gegenüberliegenden Flussseite ist die Welt eine andere. Es riecht nach Körpern, es wuchert, es ist … Abseits. Hier sorgen zwei Furien, Tine und Mascha, dafür, dass die Scham einen festen Platz bekommt. Sie greifen gesellschaftliche Tabus an, schlagen, prügeln und bringen so die innersten Abgründe der Menschen zum Vorschein.
Eine unheimliche und schöne Utopie. Käme es nicht zu diesem brutalen Zwischenfall in Garten Eden, als Matthias sich plötzlich einmischt.
Sina Ahlers, Autorin des Erfolgsstücks Milch & Schuld (UA), erhielt für Schamparadies den Autor:innenpreis des Heidelberger Stückemarkts 2020.
In diesem Text, der nun am Staatstheater Kassel zur Uraufführung kommt, mischt Sina Ahlers knallhart Realismus und Expressionismus, Bildhaftes mit ihrer eigenen Direktheit. Mal entlarvend humoristisch, mal schmerzhaft radikal, befragt sie Status und Körper. In einer ganz eigenen Formsprache legt sie den schmalen Grat zwischen Intimität und sexuellem Missbrauch offen und blickt so der Scham und ihren Ursprüngen ganz schamlos ins Gesicht
In der Regie von Olivia Müller-Elmau, Regisseurin auf der Suche nach den widersprüchlichen zwischenmenschlichen Beziehungen und Gefühlen, werden Trauma und Scham, die, teils über Generationen hinweg, fest in den Körpern sitzen und dort wuchern, sinnlich erfahrbar.
In Kooperation mit Mädchenhaus Kassel 1992 e.V.
Regie: Olivia Müller-Elmau
Bühne und Kostüme: Julius Böhm
Sounddesign: Jens Kilz
Projektidee: Patricia Nickel-Dönicke
Dramaturgie: Laura Kohlmaier
Soufflage: Camilla Colonna
Termine
Fr 2.10.2026, 20:15 | Wiederaufnahme
So 11.10.2026, 20:15
Mi 18.11.2026, 20:15
Ort
TiF - Theater im Fridericianum
Karl-Bernhardi-Straße
D-34117 Kassel
"Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu."
Die Lage ist schlecht. Nicht nur das Wetter, auch die Finanzen. Eine schöne Aussicht hatte hier schon lange niemand mehr. Der Hotelbesitzer Strasser und seine Mitarbeiter wären bereit für Gäste, doch es kommt niemand. Einzig die Baronin Ada von Stetten finanziert das Hotel mit ihrer Dauermiete – sie bezahlt die Männer für alles, was sie ihr so bieten. Alle wissen: Das geht nicht mehr lange gut, das Hotel steht kurz vor dem Bankrott.
Da steht auf einmal Christine vor der Tür! Im letzten Jahr hatte sie eine Affäre mit Strasser und da all ihre Briefe unbeantwortet blieben, möchte sie nun direkt vor Ort mit dem Vater ihres Kindes sprechen. Ohne sie auch nur zu Wort kommen zu lassen, vermuten Strasser und die Männer um ihn herum das Schlechteste. Sie denken, Christine möchte sich festsetzen, das Hotel an sich reißen, eine Heirat erzwingen. Deshalb schmieden sie einen gehässigen Plan, mit dem Strasser sich aus der Verantwortung ziehen und Christine loswerden kann. Aber Christine hatte ganz andere Pläne. Geld jedenfalls braucht sie nicht.
Da ist nun einerseits die marode, dem Untergang geweihte Gesellschaft im Hotel, die von vergangenen Zeiten träumt. Andererseits Christine, die keine Angst vor der Zukunft hat und die richtigen Fragen stellt. Sie scheint aus ihrer Zeit zu fallen, man könnte meinen, sie hätte mit bell hooks über Liebe gesprochen, mit Chimamanda Ngozi Adichie über die Stellung der Frau in der Gesellschaft, mit Virginies Despentes über all die Forderungen, die noch gestellt werden müssten und mit Emilia Roig über neue Beziehungsmodelle.
Vor knapp 100 Jahren scheiterte die Uraufführung von Zur schönen Aussicht leider an Geldmangel und konnte erst 40 Jahre später nachgeholt werden. Nun wagt die Regisseurin und Schauspielerin Katharina Marie Schubert einen Versuch, die Zeiten, die Aussichten und die Werte, die unser Leben heute bestimmen, neu zu beleuchten. Und vielleicht ergibt sich ja ein Moment von Kontakt, von Utopie und von Zukunft.
Regie: Katharina Marie Schubert
Bühne: Sibylle Pfeiffer
Kostüme: Celine Walentowski
Musik: Marcel Blatti
Licht: Stefanie Franke
Dramaturgie: Laura Kohlmaier
Termine
So 4.10.2026, 20:15
So 15.11.2026, 20:15
So 29.11.2026, 20:15
Ort
TiF - Theater im Fridericianum
Karl-Bernhardi-Straße
D-34117 Kassel
Eine performative Radioreise mit Texten von Sarah Franke, Ensemble u .a.
Draußen vor dem Staatstheater rauscht der Rummel, während sich der Bühnenraum das Schauspielhauses in eine Geisterbahn verwandelt. Traut ihr euch hereinzukommen? Hereinspaziert! Hier begegnet ihr den Gespenstern eures Lebens und den Spukbildern der Gesellschaft. Was längst vergangen, überwunden oder vergessen schien, ist plötzlich wieder da: alte Versprechen, verlorene Hoffnungen, überholte Vorstellungen davon, wer wir sein und wie wir leben wollten. Welche Geister werden wir nicht los?
Immer zur Geisterstunde geht Ghost FM auf Sendung. Eine gestrandete Truppe von Live-Erschreckern empfängt Stimmen, Lieder und Geschichten, die noch durch den Äther geistern, und schickt sie zurück auf Sendung. Thomas Mann spricht zu den deutschen Hörern, Elisabeth Selbert kämpft für die Gleichberechtigung. Doch Ghost FM öffnet seine Leitungen auch für die privaten Spukgeschichten: für Verluste und Ängste, für Erinnerungen, die nicht verschwinden wollen, und für Menschen, die fehlen und trotzdem anwesend bleiben.
Geistergeschichten sind Störmeldungen. Sie brechen in unseren Alltag ein und zeigen an, dass etwas nicht in Ordnung ist. Sie kommen aus der Vergangenheit, aber ihre Anliegen gehören der Gegenwart – und vielleicht der Zukunft. Denn was von der Vergangenheit lebt in uns weiter? Und welche Zukunft wird dadurch möglich?
„End of beginnings, Ich fühl’s!“ ist eine performative Radioreise zwischen Geisterbahn und Live-Sendung, historischen Stimmen und persönlichen Geschichten, Musik und Theater – über das Gespenstische unserer Gegenwart, unsere Ängste und die Möglichkeit zu handeln.
Regie: Sarah Franke
Choreographie: Gili Goverman
Bühne: Ann-Christine Müller
Kostüme: Bettina Werner
Sounddesign (bis Premiere): Rahel Hutter, Ariel Victor Schlichter
Licht: Oskar Bosman
Dramaturgie: Laura Ellersdorfer
Termine
So 4.10.2026, 19:30
Sa 17.10.2026, 19:30
Mi 4.11.2026, 19:30und weitere Termine
Sa 7.11.2026, 19:30
So 8.11.2026, 16:00
Do 12.11.2026, 19:30
Bewertungen & Berichte End of beginnings, Ich fühls!
Schauspiel
Raststätte Jammertal
Eine poetisch-politische Erforschung nach Heinrich Heines Deutschland. Ein Wintermärchen
„Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.“
Das schreibt der berühmte Dichter Heinrich Heine in seinem Versepos Deutschland. Ein Wintermärchen, als er 1843 in sein geliebtes, sein gehasstes Deutschland reist, um seine Mutter zu besuchen. Schon seit zwölf Jahren lebt er im französischen Exil und hat Sehnsucht nach der Heimat: Heine, der Jude, der Christ, der Deutsche, der Franzose, der Romantiker, der Erotiker, der ironische Überwinder der Romantik – und der politische Schriftsteller.
Der Freund von Marx und Engels erhofft sich eine emanzipatorische Revolution für Deutschland und kann doch nicht die Augen verschließen vor allem, was dem im Wege steht und was er kunstvoll-spöttisch in seiner Dichtung besingt: den deutschen Korpsgeist, die Spießigkeit, die Schwermütigkeit, die Ordnungsliebe und die gar nicht so liebe Ordnung, die durch Gewalt und Zensur in seinem Geburtsland herrscht.
Und heute? Wo stehen wir in Bezug auf Heines Deutschlandkritik und seinem Ruf nach Veränderung angesichts der globalen Polykrisen, des allgemeinen Vertrauensverlustes in die Demokratie, der Rückkehr des Konservatismus, Autoritarismus, Chauvinismus, Populismus, Nationalismus, des universalen „Me First“, „Nation First“? Was ist aus Heines neuem Lied geworden? Singen wir wieder das alte?
Autor und Regisseur Alexander Eisenach lässt sich in dieser Stückentwicklung von Heines lyrischem Werk inspirieren, um nach Zonenrandgebiet (UA) und Anthropos Antigone (UA) seine poetisch-politische Erforschung deutscher Geschichte in Kassel fortzuschreiben und die Frage nach unserem ausgeprägten Sicherheitsbedürfnis, unseren Zukunftsängsten und reaktionären Sehnsüchten – der GERMAN ANGST – zu stellen. Und doch, trotz alledem:
„Gib dich zufrieden, Vater Rhein,
Denk nicht an schlechte Lieder,
Ein besseres Lied vernimmst du bald –
Leb wohl, wir sehen uns wieder.“
In Kooperation mit dem Institut für Germanistik der Universität Kassel und dem Sara Nussbaum Zentrum für Jüdisches Leben.
Regie: Alexander Eisenach
Bühne: Sibylle Pfeiffer, Carsten Rüger
Lichtdesign: Carsten Rüger
Kostüme: Bettina Werner
Sounddesign: Sven Michelson
Video: Oliver Rossol
Projektidee: Patricia Nickel-Dönicke
Animation: Sarah Franke
Dramaturgie: Alexander Olbrich
Beleuchtungsmeister: Oskar Bosman
Theaterpädagogik & theaterpädagogische Vermittlung: Sandra van Westen
Ein Abend über 1968 und die Getty-Zwillinge von und mit Rainald Grebe
Die Kasseläner Zwillinge Jutta und Gisela treibt es raus aus der Provinz, bestenfalls direkt in die Geschichtsbücher — oder wenigstens in die Boulevardpresse. Im Trubel der 68er-Revolte zieht es das jugendliche Schwesternpaar vom Avantgardefilm in revolutionäre Zellen nach Bochum und Berlin. Nach kurzlebigen Ehen landen sie plötzlich in Rom, begegnen Filmgrößen wie Federico Fellini und verwickeln sich in ein spektakuläres Geiseldrama mit der italienischen Mafia um Paul Getty III, den Enkel des reichsten Mannes der Welt. Sie nehmen alle verfügbaren Drogen und prügeln sich in Hollywood um Bob Dylan. Sie meistern die Selbstinszenierung als It-Girls der 68er, bevor sie mit Rainer Langhans im sogenannten Harem „den Marsch durch die inneren Institutionen“ antreten, um sterben zu lernen.
Und (fast) genauso der Liedermacher und Kabarettist Rainald Grebe: aus der rheinischen Provinz ohne Kohle nach Berlin. Nach vielen Alben, Konzertreisen auf der ganzen Welt und überlebten Schlaganfällen steht er live auf der Bühne im Kasseler Schauspielhaus und spürt nach, was jetzt bleibt von der nie geschehenen Weltrevolution einer sterbenden Generation. Mit Liveband, Geräuschemacherei und jungen Filmschaffenden reflektiert er Anfang und Ende jenes langen Marschs, vom Underground über Umwege ins Altersheim.
Regie: Tom Kühnel
Bühne: Jürgen Lier
Kostüme und Objekte: Janna Skroblin
Musik: Jens-Karsten Stoll
Geräuschemacherin: Mareike Trillhaas
Licht: Brigitta Hüttmann
Video: Lorenz Dauber
Projektidee: Patricia Nickel-Dönicke
Dramaturgie: Alexander Olbrich, Felix Linsmeier
Bewertungen & Berichte Revolution ist machbar, Herr Nachbar!
Schauspiel
Welcome to the BATES MOTEL
Musikalische Stückentwicklung von Dominique Schnizer
Kassel, 2006: Mit nur 41 Jahren verstirbt Markus Zimmer an Multiorganversagen. Freund:innen und Familie konnten ihn nicht vor seiner Sucht retten. Ein genialer Musiker, ein sensibler Mensch, bekannt für seinen Geschlechterklischees unterwandernden Stil, sein ausschweifendes Leben und seine Musik.
„Feels like I’m in heaven, oh I feel so fine. If you were only here my friend, you would have a real cool time.“
Markus Zimmer, genannt Zimbl, war der charismatische Frontmann der Punkband The Bates, die mit ihren eingängigen Melodien sowie rotzigen Coverversionen bekannter Poptitel die deutsche Musikszene der Neunziger Jahre und der Jahrtausendwende prägten - weit über Nordhessen hinaus.
„You forgot to kick some asses, you forgot to kick some asses…“
In einem Motel zwischen Eschwege und Phoenix: Seltsame Gäste weht es in einer Gewitternacht in das Bates Motel: einen Schlagzeuger, lädiert durch einen Autounfall, einen Priester mit einem geheimnisvollen Koffer, eine mysteriöse Geschäftsfrau auf der Flucht. Was wollen sie von dem schüchternen Rezeptionisten? Und wer ist die seltsame Frau mit dem Messer…? Alfred Hitchcocks Film Psycho war die Inspiration für den Namen der Band, die der junge Zimbl und seine Freunde Klube, Armin und Pogo - zu denen später noch Reb und Dully stießen – gründeten.
20 Jahre nach Zimbls Tod inszeniert und schreibt Regisseur Dominique Schnizer einen Theaterabend über Zimbl, mit Erinnerungen seiner Freund:innen und Wegbegleiter:innen und der unsterblichen Musik der Bates. Und auch der fiktive Namensgeber der Band hat einen Auftritt. Verbunden in ihrer Einsamkeit begegnen Norman Bates und Zimbl ihren inneren Dämonen. In einem Motel irgendwo zwischen Eschwege, Hessen und Phoenix, Arizona durchleben sie noch einmal die entscheidenden Momente ihrer eigenen komplizierten Geschichte.
„Feels like I’m in heaven“
In Kooperation mit Scheibenbeisser – Hessens großer und unabhängiger Schallplatten- und CD-Laden.
Musikalische Stückentwicklung von Dominique Schnizer
Regie, Buch, Videos: Dominique Schnizer
Bühne und Kostüme: Christin Treunert
Musikalische Leitung und Score: Augustin Zimmer
Licht: Stefanie Franke
Projektidee: Patricia Nickel-Dönicke
Dramaturgie: Sara Dec
Termine
Sa 24.10.2026, 20:15
Sa 21.11.2026, 20:15
Ort
TiF - Theater im Fridericianum
Karl-Bernhardi-Straße
D-34117 Kassel
eine theatrale Videoinstallation nach Johann Wolfgang von Goethe
Eine theatrale Videoinstallation von Bert Zander - gemeinsam mit Kasseler Bürger:innen
„Meine Ruh ist hin“ – einer der Sätze, die bleiben, wenn man sich den Zitatenschatz aus Goethes Faust vergegenwärtigt. Ein Zitat, das das Dilemma Margaretes, genannt Gretchen, widerspiegelt. Der wohlsituierte Gelehrte Dr. Heinrich Faust hingegen ist in der Sinnkrise, verjüngt durch den Bund mit Mephisto drängt es ihn immer weiter zu weltbewegenden Abenteuern und ganz nebenbei zieht ihn das „Ewig Weibliche“ an. Heinrich ist hin- und hergerissen und sucht den Lärm der Welt. Und Gretchen?
Goethe hat den realen Fall der Kindsmörderin Susanna Margaretha Brandt (1771) in Frankfurt verfolgt, parallel entstand sein Urfaust, der die althergebrachte Faust-Geschichte nunmehr um die Gretchentragödie ergänzt. Angesiedelt zwischen sozialer Situation und tragischer Liebesgeschichte erzählt sie das reale, fatale und ausweglose Schicksal einer jungen Frau jener Zeit. Nicht nur Faust und sein Begehren, sondern die gewaltigen Umstände der Zeit bringen Gretchen zu Fall. Frauen wie Gretchen waren meist unausgebildet, unwissend, abhängig und bedroht von Armut und Elend.
Welche Spuren hinterlässt Fausts Vorwärtsdrängen im Leben Gretchens, die in bürgerlichen, aber doch ärmlichen Verhältnissen lebt? Welche Chance hatte sie im Leben und wäre ein sozialer Aufstieg überhaupt möglich gewesen? Eine junge Frau zwischen Begehren, Selbstbehauptung und sozialem Zwang auf der einen Seite und Bürger:innen auf der anderen Seite, die Gretchens Geschichte zu kennen glauben und sie aus ihrer Perspektive nacherzählen. Für Ihre Rolle als Gretchen war Emilia Reichenbach 2022 für den Gustav Rühle Preis nominiert.
„Es ist Zeit, dass wir uns auf den Weg machen Gretchen 2021 ihre Würde zurückzugeben“, so Bert Zander, Regisseur und Videokünstler. Seine bisherigen Arbeiten an der Schnittstelle zwischen Videokunst und Theater waren u. a. an der Volksbühne Berlin, am Thalia Theater Hamburg und am Burgtheater Wien zu sehen. 2020 realisierte er für 3sat / ZDF Camus’ Die Pest als theatrale Miniserie.
Eine Kooperation mit der Fördergesellschaft Staatstheater Kassel e. V.
„Tanz ist die Mathematik der Bewegung zur Musik.“ (Robozee)
Mit Blossom & Decay widmet sich Robozee einem der grundlegendsten und doch tiefgründigsten Zyklen des Lebens – dem stetigen Wechsel von Wachstum und Verfall. Blossom & Decay zeigt den fragilen Kampf zwischen Individuum und Gemeinschaft, zwischen Kontrolle und Hingabe. Es thematisiert die paradoxe Schönheit des Lebens, die sich im Angesicht von Zerstörung und Verfall immer wieder neu entfaltet, nur um erneut in den Abgrund zu stürzen.
Robozee lässt in Blossom & Decay die pulsierenden Rhythmen des urbanen Tanzes auf das Spielzeitthema von TANZ_KASSEL stoßen, das japanische Konzept des Kaika (Ë“ü£). In einer Welt, die von Chaos, Zerstörung und sozialer Unruhe geprägt ist, wird der Moment der Blüte zu einem Symbol für die paradoxe Schönheit, die aus Dunkelheit und Vernichtung hervorgeht, um schließlich wieder in die Zerstörung zu führen.
Der Sound von Randomhype, alias Christian Düchtel, in Blossom & Decay ist mehr als nur ein klanglicher Hintergrund: Er wird zum Nährboden, auf dem sich der Tanz entfaltet. Elektronische, urbane und pulsierende Klänge verstärken den Zyklus von Wachstum und Verfall und machen ihn erlebbar. Diese musikalische Basis beeinflusst den Tanz und wird gleichzeitig von ihm geprägt, ähnlich wie die Umwelt das individuelle und kollektive Leben beeinflusst.
„Blossom & Decay lädt ein, die Vergänglichkeit des Lebens zu erkennen und zugleich den flüchtigen Moment von Schönheit und Aufblühen zu würdigen. Ich fordere das Publikum heraus, sich der Zerbrechlichkeit des Seins und der dualen Natur von Schönheit und Verfall bewusst zu werden. Dabei hinterfrage ich die Auswirkungen des Kapitalismus. Der Tanz wird so zu einer physischen Reflexion über das Werden und Vergehen im Kontext einer von kapitalistischen Interessen geprägten Welt.“ (Robozze)
Christian Zacharas alias Robozee ist eine prägende Figur der Tanz- und Improvisationsszene. Er ist eine feste Größe in der deutschen Hip-Hop- und Popping-Szene und trägt maßgeblich zur Weiterentwicklung dieser Kunstform bei.
Choreographie: Robozee
Bühne und Kostüme: Nuphar Barkol
Sounddesign: Randomhype
Licht: Stefanie Dühr
Video: Nuphar Barkol
Dramaturgie: Lars Gunnar Anderstam, Thorsten Teubl
Termine
So 1.11.2026, 18:00
Do 19.11.2026, 18:00
Fr 20.11.2026, 11:00und weitere Termine
So 22.11.2026, 18:00
Mo 23.11.2026, 11:00
Do 31.12.2026, 16:00
Do 31.12.2026, 20:15
Ort
TiF - Theater im Fridericianum
Karl-Bernhardi-Straße
D-34117 Kassel
SEASON 5: Let’s Talk About Blossom & Decay bewerten:
Vielen Dank für Ihre Bewertung!
Bewertungen & Berichte SEASON 5: Let’s Talk About Blossom & Decay
Schauspiel
König Lear
Eine Tragödie von William Shakespeare
in der Übersetzung und Bearbeitung von Thomas Melle
„Welche von euch liebt mich am meisten?“, fragt König Lear seine drei Töchter Goneril, Regan und Cordelia, um sein Reich nach dem beschworenen Liebesbekenntnis gerecht unter ihnen aufzuteilen. Doch er verrechnet sich: Ausgerechnet seine liebste Tochter Cordelia weist den Liebeswettbewerb zurück und fordert stattdessen Ehrlichkeit. Lear – außer sich vor Wut – verbannt sie und teilt sein Land unter den anderen beiden Töchtern auf. Bedingung: Er und sein Gefolge werden Monat für Monat abwechselnd von einer der beiden verpflegt und untergebracht. Doch Goneril und Regan sind dieser Forderung schnell überdrüssig, wollen ihn loswerden und entmachten ihn bei der erstbesten Gelegenheit. Der einstmals große König, gänzlich auf die nackte menschliche Existenz reduziert, verfällt zunehmend dem Wahnsinn, von allen verlassen – außer seinem Hofnarren. Da kommt Meldung aus Frankreich, dass die verbannte Cordelia ein Heer aufgestellt hat, um ihn zu retten und gegen die eigenen Schwestern zu kämpfen. Eine beispiellose Gewaltspirale wird in Gang gesetzt. An ihrem Ende sind alle tot. Fast.
Wie sieht es heute aus, wenn ein Herrscher abtritt und sein Land oder seinen Besitz der nächsten Generation übergibt? Ändern sich damit Machtstrukturen? Thomas Melle bleibt in seiner Bearbeitung zwar nah an der Handlung des Originals, verschiebt jedoch wichtige Akzente hin zu einem zeitgemäßen Generationenkonflikt und katapultiert das Stück auch sprachlich ins Heute, in eine Welt im Umbruch. In dieser Welt kämpfen verfeindete Lager mit Hilfe von „alternativen Wahrheiten“, niemand diskutiert miteinander, stattdessen ringen alle hasserfüllt um Deutungshoheit. Doch was hält die Weltgemeinschaft noch zusammen, wenn sie von keiner gemeinsam geteilten Wahrheit mehr getragen wird?
In der Regie von Lars-Ole Walburg, bekannt in Kassel unter anderem als Regisseur von Singletreff (UA), Auf Wache (UA) und Der Funke Leben (UA), entwickelt sich Shakespeares grausame Tragödie zu einem düsteren Sinnbild für unsere moderne Gesellschaft, in der sich verschiedene Weltanschauungen und Realitäten ohne Kommunikationsbereitschaft unversöhnlich gegenüberstehen – und Machtgier die einzige Konstante bleibt.
Regie: Lars-Ole Walburg
Bühne: Maria-Alice Bahra
Kostüme: Maria Walter
Musik (auch Live): Martin Engelbach
Licht: Brigitta Hüttmann
Projektidee: Patricia Nickel-Dönicke
Dramaturgie: Alexander Olbrich
In Kooperation mit dem Fachgebiet Literaturwissenschaft Anglistik und Amerikanistik der Universität Kassel.
Wir müssen über Mutterschaft und unbezahlte Care Arbeit von Frauen reden! Wie sieht die Arbeit des Körpers vor, während und nach der Geburt aus? Abgesehen von den biologischen Veränderungen und Rentenlücken, die entstehen, ist eine Schwangerschaft eine der größten Herausforderungen und auch Wunder, die der weibliche Körper leistet. Ist diese Art von Arbeit eigentlich monetär zu bezahlen?
In der Uraufführung Milch & Schuld der Autorin Sina Ahlers, einem Auftragswerk des Schauspiels, geht es um Leihmutterschaft, eines der Tabuthemen unserer Gesellschaft.
Zartie hat wenig Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Sie stellt einem Paar, das biologisch keine Kinder bekommen kann, ihren Körper, ihren Geist und ihre Hormone zur Verfügung, um ein Kind für sie auszutragen. Und sie soll dafür bezahlt werden. Während der Pränataldiagnostik wird jedoch eine Entdeckung gemacht, die der „Kundin“ nicht zusagen wird, und die Zahlungs- bzw. Vertragspflicht aushebelt. Doch wer ist diese „Kundin“ überhaupt, die sich so sehnlich ein Kind wünscht? Auch sie fühlt sich ungenügend, fehlerhaft. Wie entscheidet sich Zartie, soll sie das Kind behalten? Ohne Mittel, allein, ohne Unterstützung?
Wie gehen wir damit um, wenn ein Kind nicht der „Norm“ entspricht, als ungenügend betrachtet wird, wie eine Taube mit einem Bein? Sie kann stehen, fliegen, alles, aber mit eben „nur“ einem Bein.
Sina Ahlers hinterfragt in ihrem Stück Existentielles. Gibt es sie, die „natürliche“, bedingungslose Mutterliebe, die Arbeit des weiblichen Körpers, den „Mutterinstinkt“ und wo stehen wir tatsächlich, wenn es um konservative Rollenbilder geht? Wo ist, sie, die vermeintlich „moralisch“ richtige Seite? Und welche Rolle spielt in dem Ganzen diese merkwürdige Bahnhofstaube?
Regisseurin Sarah Franke hat mit den Troerinnen: 2nd Season bereits bewiesen, dass sie sich den großen feministischen Themen mit einer körperlich, sprachlichen und bildlichen Kraft hingibt. Sie schaut auf alle (Nicht-)Mütter, auf alle Normen, Tabus, Kämpfe und die Schönheit dazwischen. All das findet sie in Ahlers Text.
Regie: Sarah Franke
Choreographie: Gili Goverman
Bühne und Kostüme: Ann-Christine Müller
Musik: Sven Michelson
Licht: Stefanie Dühr
Dramaturgie: Patricia Nickel-Dönicke
Altersempfehlung ab 16 Jahren
Termin
Do 26.11.2026, 20:15 | Wiederaufnahme
Ort
TiF - Theater im Fridericianum
Karl-Bernhardi-Straße
D-34117 Kassel
In der Saison 2024/25 setzt TANZ_KASSEL die TANZREIHE IM TIF mit SEASON 4 fort.
In Let’s Talk About Trance setzen sich die Tänzer:innen von TANZ_KASSEL mit Punk, Trance und Ritual auseinander – Eine choreografisch-tänzerische Überwindung von Konventionen in der Engführung von Eros und Thanatos.
In Transmuted Symphony wird der performative Körper zu einem Gefäß, das eine Brücke zwischen dem Ätherischen und dem Körperlichen schlägt – auch eine Brücke zwischen Leben und Tod, zwischen Diesseits und Jenseits. Die Choreografin Andrea Peña entwickelt zusammen mit den Tänzer:innen von TANZ_KASSEL eine immersive Bewegungserzählung, ein Narrativ, das eine tiefgehende Analyse von Ritual und Trance aufzeigt, welches sich durch unterschiedliche Kulturen zieht, in der ihr eigenen, sehr körperlichen und hoch athletischen choreografischen Handschrift. Andrea Peña benennt den Prozess der Kreation als „Punk as the new sublime“ und stellt konventionelle Ästhetik in Frage, indem sie rebellische Energie in die Choreografie einfließen lässt und das universelle Thema der Wiedergeburt aufgreift – eine vielleicht notwendige Entwicklung in unserer kulturellen Landschaft und auch in der Welt des Tanzes. Der Tanz wird zu einer Leinwand, auf der sich das Alte auflöst und Platz für das Entstehen zukunftsweisender Realitäten schafft. Die rohe und zeitgleich energetisch archaische Kraft des „Punk“, durchbricht etablierte Normen und Konventionen und erschafft ein kreatives Chaos.
„Widerstand, dargestellt durch die Körper der Performer:innen, wird zu einer Sprache der kollektiven Anmut – eine starke Kraft, die vereint und ermächtigt. Der Tanz entfaltet sich als eine Reihe von Poetries of Insistence, in denen jede Bewegung einen Vers darstellt, der die Dringlichkeit der Behauptung individueller und kollektiver Identitäten zum Ausdruck bringt. Lebendige Fresken subkultureller Realitäten beleben die Bühne und stellen eine zeitgenössische Landschaft verschiedener Gesellschaften dar. Die Formensprache traditionellen Tanzes und vor allem des Balletts, werden von mir in Frage gestellt, indem ich Geschlechternormen aufbreche und fließende Ausdrucksformen von Identität und Liebe zeige.“
Andrea Peña
Choreografie: Andrea Peña
Bühne und Kostüme: Sibylle Pfeiffer
Sounddesign: Coppélia LaRoche-Francoeur
Licht: Stefanie Dühr
Dramaturgie: Thorsten Teubl, Lars Gunnar Anderstam
Termin
Sa 10.10.2026, 20:15
Ort
TiF - Theater im Fridericianum
Karl-Bernhardi-Straße
D-34117 Kassel
Eine Reihe des Neuen Wissenschaftstheaters in Zusammenarbeit mit der Uni Kassel
Wir holen den Sender auf die Bühne und lassen das Theater in die Welt funken. Improvisierte Formate treffen auf fiktive Sendungen, reale Gäste auf performative Situationen. Niederschwellig und aktuell werden Stimmen hörbar gemacht, Hintergründe geteilt und Material gezeigt. In wechselnder Besetzung mit dem gesamten Ensemble und dem Team des Schauspiels.
3. Okt 2026, 21:15 Uhr - Schauspielfoyer
KuHL FM präsentiert: Über Freiheit in politischen Systemen gestern, heute und morgen
Im Anschluss an die Premiere von Trutz
Eintritt frei
Was wird über unsere Zeit in Archiven abgebildet sein?
In Trutz durchlebt Maykl verschiedene politische Systeme, verschiedene Formen von Freiheit und Unfreiheit. Seine Geschichte wird zu einem Nachdenken über historisches Unrecht, was in Archiven aufgezeichnet und trotzdem nicht aufgearbeitet wird.
In unserer ersten Folge von KuHL FM möchten wir von dort aus weiter gehen. In künstlerischer Aufarbeitung werfen wir einen Blick in die Archive und machen Dokumente der Unfreiheit und Unterdrückung hörbar.
Wir möchten mit Menschen aus Kassel über den Wert der Freiheit sprechen, den wir so oft vergessen, weil er uns so selbstverständlich geworden ist. Über die Hoffnung, dass es einmal anders sein möge, als das alte Zwänge durch neue, vielleicht angenehmere abgelöst werden. Und darüber, wer Geschichte macht?
Von dort aus möchten wir unseren Blick weiten, in die Zukunft in Deutschland und darüber hinaus. Wir sprechen mit Lily Sykes, der zukünftigen Schauspieldirektorin von Magdeburg darüber, wie sie sich auf ihr Amt in Sachsen-Anhalt vorbereitet, einem Bundesland, in dem eine gesichert rechtsextreme Partei die meisten Stimmen in der Landtagswahl bekommen hat und schon im Wahlkampf massive Einschnitte in der Kultur angekündigt hat. Wir sprechen außerdem mit Dušan David Pařízek, dem Regisseur von Trutz, der Einschränkungen der Kunstfreiheit gerade extrem zu spüren bekommt.
WEITERE VERANSTALTUNGEN VON KuHL FM
18. Okt 2026, 18:00 Uhr – TiF – Theater im Fridericianum
KuHL FM präsentiert: FILM: Einar Schleef – Ich habe kein Deutschland gefunden
22. Okt 2026, 20:15 Uhr – TiF-Foyer
KuHL FM präsentiert: Institut für angewandte Resignation Folge 2: Trauer
12. Nov 2026, 20:15 Uhr – TiF-Foyer
KuHL FM präsentiert: Institut für angewandte Resignation Folge 3: Angst
20. Nov 2026
KuHL FM präsentiert: Dickes D
10. Dez 20026
KuHL FM präsentiert: Institut für angewandte Resignation, Folge 4: Einsamkeit
18. Dez 2026
KuHL FM präsentiert: Wunschkonzert
31. Dez 2026
KuHL FM präsentiert: Die Silvesterparty nach Last Day – die etwas andere Silvestershow im Schauspielhaus
Termine
Do 22.10.2026, 20:15
Do 12.11.2026, 20:15
Fr 20.11.2026, 21:15und weitere Termine
Do 10.12.2026, 20:15
Ort
TiF - Theater im Fridericianum
Foyer Karl-Bernhardi-Straße
D-34117 Kassel
Seien Sie mutig und stehen Sie auf vom Sofa! TANZ_Mit! ist das Tanztraining für alle Tanzbegeisterten, die erste Schritte in angeleiteten Improvisationen und die Bewegungsvielfalt des Zeitgenössischen Tanzes kennenlernen möchten. Vorkenntnisse sind nicht notwendig, nur bequeme Kleidung und etwas zu trinken. Treffpunkt 15 Minuten vor Beginn am Bühneneingang (Du-Ry-Straße 1).
Begrenzte Teilnehmer:innenanzahl mit vorherigem Kartenkauf für 3,50,- Euro an der Theaterkasse.
„Es war einmal …“ In regeläßigen Abständen lesen wir euch aus unseren und euren Lieblingskinderbüchern vor. Kommt dazu und taucht mit uns ein in die wunderbare Welt der Bücher.
Tolle Inhalte zu haben bringt leider nichts, wenn niemand etwas davon mitbekommt. Im Workshop Mittendrin … in Social Media zeigt euch Anja Pawliczek aus dem Social Media Management des Staatstheaters, wie ihr Content kreiert, der auch wirklich angeschaut wird. Ihr testet aus, was zu welcher Zielgruppe passt und wie man mit ein paar gezielten Handgriffen euren Content so anpasst, dass er nicht sofort nach dem Posting schon wieder in der Algorithmus-Versenkung verloren geht.
Gemeinsam entwickelt ihr Ideen, wie ihr eure Inhalte und Infos unterhaltsam und spannend für Social Media verpacken könnt. Dabei wird natürlich auch selbst zum Handy gegriffen, losgefilmt und geschnitten!
Die Workshopreihe „Mittendrin statt nur dabei“ richtet sich an theateraffine und kulturinteressierte Menschen, die gern mehr über die Arbeit am Theater erfahren möchten. Künstler:innen des Staatstheaters zeigen, was es heißt, sich tagtäglich mit Darstellender Kunst zu beschäftigen. Sie geben Einblicke in ihren Arbeitsalltag, vermitteln die Basics ihres Berufsfeldes und geben die Möglichkeit, sich selbst auszuprobieren und weiterzuentwickeln. Anmeldung unter plus@staatstheater-kassel.de
Preise pro Termin:
Die Teilnahmegebühr beträgt 95 Euro, für Pädagog:innen 55 Euro und ermäßigt 35 Euro. Die Teilnehmer:innenzahl ist begrenzt auf 12 Menschen. Eine verbindliche Anmeldung ist ab sofort per Mail an: plus@staatstheater-kassel.de möglich. Eine Absage ist bis zwei Tage vor Workshopbeginn kostenlos, ansonsten wird eine Gebühr von 35 Euro fällig.
Termine
Fr 6.11.2026, 16:00 - 20:00
Sa 7.11.2026, 10:00 - 17:00
Das Staatstheater Kassel – Ein Theater mit Tradition
Das Staatstheater Kassel versteht sich mit seinen rund 500 festen Mitarbeitern als ein moderner Theaterbetrieb, der sich gleichermaßen der Tradition wie der Moderne verpflichtet fühlt. 30 Neuinszenierungen in den Sparten Musiktheater, Schauspiel, Tanztheater, Kinder- und Jugendtheater, dazu die Sinfonie-, Sonntags-, Kammer-, Familien-, Schüler- und Sonderkonzerte bilden Jahr für Jahr das große Angebot. Darüber hinaus sorgt ein umfangreiches theater- und konzertpädagogisches Programm für die Vermittlung an Kinder und Jugendliche.